Auf der A4 Richtung München. Im Hintergrund läuft „Miami“ von Will Smith „Party in the city where the heat is on, all night on the beach till the break of dawn…“ eines meiner All-Time-Favorites.
Ein Song, der mich schon durch viele Zeiten begleitet hat und mir normalerweise immer gute Laune bereitet. Dieses Mal aber nicht.
Heute ist ein seltsamer Morgen.
Eigentlich nichts anders als sonst. Wie jeden Montag bin ich auf dem Weg von Frankfurt nach München. Klar, das ständige Hin- und Herfahren nervt, aber ich mache es ja aus guten Gründen. In München habe ich einen guten Job, arbeite in einer hohen Position, verdiene gut.
In meinem Leben habe ich viele Entscheidungen getroffen und lange geglaubt, die meisten davon waren richtig.
Ich sitze hier in meinem Range Rover, habe ein schönes großes Haus, mache tolle Urlaube, besser könnte es eigentlich nicht laufen.
Und doch ist da dieses Gefühl. Leise zuerst, kaum greifbar.
So, als würde etwas in mir flüstern, dass vielleicht gar nicht alles so richtig war, wie ich es mir immer eingeredet habe.
Vielleicht liegt es daran, dass meine Frau und mein Sohn jetzt wieder eine Woche alleine sind.
Heute fiel Ihnen der Abschied besonders schwer.
Sie sagte, dass ihr das alles zu viel wird das Pendeln, das Alleinsein, das Warten. Ich verstehe sie.
Und trotzdem habe ich, wie so oft, nur genickt, den Motor gestartet und bin losgefahren.
Irgendjemand muss ja schließlich das Geld verdienen, rede ich mir ein.
Aber während „Miami“ weiterläuft, frage ich mich, ob das wirklich noch eine gute Ausrede ist.
Oder einfach nur Bequemlichkeit.
„Everytime I come to town, they be spottin’ me, in the drop Bentley, ain’t no stoppin’ me.“
Als das Lied rauskam, war ich dreißig. Voller Pläne, voller Energie.
Ich dachte, ich hätte alles verstanden.
Heute, 27 Jahre später, frage ich mich, was aus diesem Mann geworden ist, dem, der voller Euphorie in die Zukunft geblickt hat und dabei übersehen hat, was direkt vor ihm stand.
Ich bin jetzt in meiner zweiten Ehe, habe drei Kinder bekommen und trotzdem das Gefühl, vieles falsch gemacht zu haben.
Immer war ich überzeugt, aufrichtig zu sein, zumindest meiner Meinung nach.
Meine Ex-Frau würde das wohl anders sehen.
Wir sprechen seit über fünfzehn Jahren nicht mehr miteinander.
Am Ende habe ich sie betrogen.
Meine letzten Worte zu ihr waren: „Ich will keine Familie mehr. Nicht mit euch.“
Mit „euch“ meinte ich auch meine beiden Kinder.
Manchmal frage ich mich, was meine Kinder wohl gerade machen.
Ab und zu sprechen wir miteinander aber nur, wenn ich sie anrufe.
Sie melden sich, wenn sie Geld brauchen, nicht, um mit mir zu reden.
Mit ihrem Vater.
Das trifft mich.
Langsam wird mir klar, dass ich einiges falsch gemacht habe.
Ich habe versäumt, einfach da zu sein. Für meine Familie.
Für die, die ich angeblich nicht wollte.
Jetzt sitze ich hier, in meinem teuren Auto, auf dem Weg zu einem Job, der mir alles gibt und gleichzeitig alles genommen hat.
Ich habe geglaubt, Erfolg bedeute, alles im Griff zu haben.
Doch in Wahrheit habe ich dabei Stück für Stück losgelassen: meine Kinder, meine Frau, mich selbst.
Geld macht das nicht besser.
Vielleicht ist das, was heute Morgen so seltsam ist, gar kein Zufall.
Vielleicht ist es einfach die Wahrheit, die endlich laut genug geworden ist, um sie zu hören.
Ich habe meine Kinder um einen Vater bestohlen.
Ihnen die Kindheit gestohlen, die sie verdient hätten.
Meiner Ex-Frau das Leben, das ich ihr einmal versprochen habe.
Und am schlimmsten: ich habe mich selbst beraubt, um den Menschen, der ich hätte sein können.
Für sie.
Aber auch für mich.
Hinterlasse einen Kommentar