Die Rede von David Foster Wallace hat mich tief zum Nachdenken gebracht oder genauer gesagt: zur Selbstreflexion. In vielen seiner Beschreibungen finde ich mich wieder, besonders in der Szene im Supermarkt. Oft nimmt man sich selbst zu wichtig und ist überzeugt, den anstrengendsten Tag hinter sich zu haben. Daraus entsteht fast unbemerkt die Haltung, das Recht zu haben, mit schlechter Laune durch die Welt zu gehen.
Wallace beschreibt diese automatische Denkweise als unsere „default settings“ die unbewussten Einstellungen, mit denen wir durchs Leben navigieren. Mir ist bewusst geworden, dass ich in vielen Momenten genau so funktioniere: Ich richte meinen Blick fast ausschließlich auf mich selbst, auf meine Sorgen, meinen Stress, meine Müdigkeit. Dabei vergesse ich, dass jeder Mensch um mich herum seine ganz eigene Last trägt, vielleicht eine noch schwerere als meine. Gerade in solchen Momenten ist Achtsamkeit entscheidend: das bewusste Wahrnehmen des Umfelds, das Innehalten und das Erkennen, dass die Welt nicht um mich kreist. Diese Form der Aufmerksamkeit ist nicht nur ein Akt des Mitgefühls gegenüber anderen, sondern auch ein Ausdruck von Selbstfürsorge. Denn am Ende des Tages bin ich es, die mit ihrer schlechten Laune nach Hause geht und das möglicherweise Tag für Tag.
Mein persönliches „default setting“ besteht darin, mich selbst als das Zentrum der Welt zu sehen. Wenn ich ehrlich bin passiert das nicht nur manchmal, sondern fast immer. Meine eigenen Bedürfnisse, Empfindungen und Sichtweisen stehen im Vordergrund, insbesondere im Umgang mit Menschen, die ich nicht gut kenne. Ich habe erkannt, dass dies eine Form von Bequemlichkeit ist nicht körperlich, sondern geistig. Es ist einfacher, in der eigenen Wahrheit zu verharren, als sich der Perspektive anderer zu öffnen. Diese innere Trägheit führt dazu, dass ich manchmal vorschnell urteile oder gar nicht erst versuche, andere wirklich zu verstehen. Vielleicht habe ich dadurch Menschen Unrecht getan oder zumindest die Chance verpasst, das herauszufinden. Damit habe ich mir nicht nur meinen eigenen Seelenfrieden genommen, sondern womöglich auch den von anderen. Gerade in persönlichen und familiären Beziehungen zeigt sich, wie wichtig es ist, die eigene Realität zu verlassen und Raum für andere Sichtweisen zu schaffen. Es geht dabei nicht darum, wer im Recht ist, sondern darum, den Mut zu haben, zuzuhören, zu verstehen und Verbindung zu suchen. Wenn wir unsere Wahrnehmungen austauschen, können unsere individuellen Realitäten sich berühren und genau an diesen Schnittpunkten entsteht Verständnis.
Wallace’ Rede erinnert mich daran, dass Bewusstsein eine aktive Entscheidung ist. Wir können lernen, unsere „default settings“ zu durchbrechen indem wir achtsamer werden, empathischer handeln und immer wieder bereit sind, unsere Perspektive zu hinterfragen. Erst dann sehen wir wirklich „das Wasser“ in dem wir schwimmen.
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