„Warum hängt da dieses Bild?“

Manchmal, wenn ich abends die letzten Gläser abräume und der Jazz nur noch ganz leise aus den Boxen ertönt, bleibe ich vor diesem Plakat stehen.
Ja, genau dem da: ANTON HENNING, groß wie’n Schlag ins Gesicht und ungefähr genauso subtil. Kein schönes Ding, wirklich nicht. Schwarz-weiß, hart, fast ein bisschen beleidigend für die Augen. Und trotzdem hängt’s hier. Bei mir. Im Zwiebelfisch.

Fragen mich die Leute:
„Ey, warum ausgerechnet dieses Plakat? Haste nicht was Hübscheres?“
Und ich denke dann: Na klar hab ich hübschere Sachen. Aber hübsch allein macht hier gar nichts aus.

Ich bin der Wirt vom Zwiebelfisch , dieses alten, urigen, verschrammten Lokals, das sich weigert, modern zu werden. Und ganz ehrlich: Ich lieb es genau so. Jede Wand erzählt hier was, ob sie will oder nicht. Die alten Fotos, die vergilbten Poster, die Zettel, die keiner weggeschmissen hat, weil man irgendwie immer dachte, die könnten noch mal wichtig werden. Und am Ende wurden sie’s auch.

Dieses Plakat hier ist eigentlich ein kompletter Anti-Star unter all den Dingen. Groß, plump, nicht mal richtig schön. Aber genau das passt zu uns. Schönheit ist ja immer so’n großes Gerede, ich halte mich da an das, was echt ist.
Und echt ist: Manchmal findet man Schönheit in Sachen, die andere längst wegschmeißen würden.

Weißte, hier im Zwiebelfisch… das ist kein Ort, der sich anbiedert. Wir sind ’ne Kneipe, kein Lifestyle-Möbelhaus. Hier riecht’s nach Bier, Geschichte und ein bisschen Jazz, der sich in die Ritzen der Holztische frisst. Und jede Kleinigkeit, die hier rumhängt, trägt was dazu bei, selbst wenn sie auf den ersten Blick aussieht wie’n schlechter Druck aus den 90ern.

Vielleicht hängt das Ding hier, weil jemand dachte: „Mach ich später ab.“
Vielleicht hat’s irgendwer aufgehängt, der längst nicht mehr hier ist.
Vielleicht war ich’s selbst und hab’s nur vergessen.
Oder, und das ist wahrscheinlicher, es hat sich einfach seinen Platz erkämpft, wie so viele hier.

Denn eins ist sicher: In diesem Laden überlebt nur, was irgendwie Bedeutung bekommt. Nicht wegen Magie oder Schicksal oder son Quatsch. Sondern weil die Leute es anschauen, dran vorbeigehen, drüber reden. Und dadurch wird es Teil der Atmosphäre, so wie der alte Tresen, der Brand von 2020, der immer noch in den Geschichten nachglimmt, oder die Stammgäste, die seit Jahrzehnten die gleichen Sprüche klopfen.

Und wenn abends die Musik einsetzt, dieser leicht schepprige Jazz, der bei uns immer ein bisschen so klingt, als hätte er schon zu viel erlebt, dann fügt sich dieses Plakat ein. Es wird ruhiger, ehrlicher, fast schön.
So wie viele Dinge im Leben, die erst in der richtigen Umgebung ihre Daseinsberechtigung beweisen.

Also… warum hängt’s hier?
Weil der Zwiebelfisch ein Ort ist, der aus lauter unscheinbaren, übersehenen, manchmal hässlichen Dingen etwas Echtes macht.
Und weil genau diese Mischung, meine Mischung, dafür sorgt, dass der Laden lebt.

Und solange ich hier der Wirt bin, bleibt das so.
Auch dieses Plakat.

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