Alle Atzen natzen

Die Kneipe wurde anlässlich der Fashion Week zu einem improvisierten Event umgebaut. Der Laden ist überfüllt, überall stehen Leute herum, die viel zu extravagant angezogen sind für eine einfache Bar. Man merkt schnell, dass hier niemand ist, um einen entspannten Abend zu verbringen. Es geht um Aufmerksamkeit, Fotos, Kontakte, die am Ende keine Bedeutung haben. Ein DJ spielt einen austauschbaren Beat, laut genug, um Gespräche zu überdecken, aber nicht laut genug, um echte Stimmung zu erzeugen. Kostenlose Drinks sollen dafür sorgen, dass alle bleiben und die Illusion einer besonderen Szene bestehen bleibt.

Zwei Personen stehen nebeneinander an der Bar und unterhalten sich. Zumindest wirkt es so. Von außen könnte man glauben, sie würden sich gut kennen. Doch sobald man zuhört, merkt man, dass die beiden einander nicht einmal einordnen können. Sätze wie Wir kennen uns doch oder oder Warst du gestern auch auf der Show fallen ständig. Niemand weiß wirklich, mit wem er spricht, und niemanden stört das. Es reicht, wichtig zu wirken und so zu tun, als sei man Teil dieser Gruppe. Die Gespräche sind ohne Inhalt. Es geht darum, wen man gesehen hat, wohin man als nächstes geht und auf welchen Partys man noch kurz vorbeischaut. Alle reden, niemand hört zu. Jeder will nur auffallen, nicht begegnen.

Regelmäßig löst sich ein Teil der Gruppe und alle gehen gemeinsam zur Toilette. Es ist offensichtlich, was dort passiert: Nase nach Nase wird gezogen. Nach wenigen Minuten kommen sie zurück, lauter, überdrehter und noch weniger ansprechbar als zuvor. Alles läuft nach dem selben Muster ab. Oberflächliche Kommentare, bedeutungslose Fragen und ständiges gegenseitiges Abtasten. Es wirkt wie ein Wettbewerb darin, wichtig auszusehen und beschäftigt zu wirken.

Während ich das alles beobachte, beginnt sich in mir ein innerer Monolog zu formen. Ich finde es schade und ehrlich gesagt fast schon beschämend. Bevor ich nach Berlin gekommen bin, hatte ich eine völlig andere Vorstellung von solchen Abenden. Ich dachte, diese Events wären Orte, an denen wirklich etwas entsteht. Ich hatte mich auf genau diese Art von Menschen gefreut, kreativ, interessiert und offen. Ich dachte, Mode, Kunst und Musik würden hier selbstverständlich zusammenkommen und man würde Menschen treffen, die dieselben Interessen teilen. Eine echte Szene, in der man sich austauscht, inspiriert und gegenseitig weiterbringt. Doch je länger ich hier bin, desto klarer wird mir, dass das nur eine Vorstellung war. Die Realität sieht anders aus.

Später endet der Abend erwartungsgemäß in einem Club. Wieder dieselben Posen, dieselben Aussagen, dieselben übertriebenen Bewegungen. Die Menschen um mich herum wirken zwar beschäftigt, aber leer. Alle tun so, als wären sie Teil einer großen kreativen Gemeinschaft, aber in Wahrheit scheint jeder nur für sich selbst da zu sein und gleichzeitig für alle sichtbar.

Am Ende bleibt der Eindruck, dass diese Szene weniger aus echten Verbindungen besteht als aus sorgfältig inszenierten Oberflächlichkeiten. Gespräche ohne Inhalt, Kontakte ohne Tiefe und ein permanentes Schauspiel des So tun als ob. Nähe wird nur nachgeahmt. Der Austausch, den ich mir erhofft hatte, existiert in diesem Raum nicht.

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